Interview im Magazin “phantastisch!” (Januar 2015)

Hallo David. Erzählst du uns, wie du auf die Idee von Athanor und seiner Welt gekommen bist?

David Falk: Die Figur Athanor ist ein Ergebnis meiner Faszination für „die Letzten ihrer Art“. Schon als Kind hat „Der letzte Mohikaner“ etwas in mir berührt. Die Frage, wie man sich fühlt, wenn man der Letzte seines Volkes oder gar seiner Spezies ist und das auch weiß, hat mich schon lange beschäftigt. Während es in den meisten derartigen Geschichten aber um eine Figur geht, die dieses tragische Schicksal als Opfer erleidet, fand ich es reizvoller, einen Täter in den Mittelpunkt zu stellen.

In welche Welt ich Athanor dann eingebettet habe, geht auf mein Faible für griechische Mythologie zurück. Ich wollte zwar einerseits einen klassischen Fantasy-Roman schreiben – mit allem, was dazugehört -, aber die Welt sollte nicht so eindeutig dem europäischen Mittelalter oder der Antike zugeordnet werden können. Ich habe Elemente aus beidem vermischt und eine eigene Welt mit eigenen Kulturen, Religionen und einer Historie bis zurück zum Anbeginn der Zeiten daraus entwickelt.

Ist die Ausgangsposition um den letzten Menschen auch ein wenig der Versuch, das Endzeit-Prinzip auf die High Fantasy zu übertragen?

David Falk: Es war jedenfalls nicht mein Ziel, eine Art Fantasy-MadMax zu schreiben, denn das wäre ein völlig anderer Roman geworden. Vielleicht kann man dem Irrtum erliegen, dass es um „Mad Max mit Schwert“ geht, weil Athanor der letzte Mensch ist. Aber es ging mir nicht darum, eine Menschheit im Endstadium zu zeigen. Dieser Punkt liegt längst hinter Athanor. Für ihn geht es nicht darum, sich in den Resten einer zusammengebrochenen Zivilisation gegen andere Überlebende zu behaupten. Es ist niemand übrig, der ihm noch ans Bein pinkeln könnte. Aber gerade das ist zu Beginn des ersten Bands sein Problem: Welchen Sinn hat das Leben noch, wenn man völlig allein ist und es keine Aussicht darauf gibt, dass sich daran je wieder etwas ändert? Er kann sich nicht einmal als Opfer in Selbstmitleid ergehen, weil er eine große Mitschuld an der Katastrophe trägt. Zwar ist er zu stark, um Selbstmord zu begehen, aber wohin mit seinen Fähigkeiten, den Ambitionen und Gefühlen, für die es in der menschenleeren Wildnis kein Ziel mehr gibt. Für mich stand also weniger das Endzeit-Setting im Vordergrund, sondern Athanor als Figur – mit seiner Schuld, seinem Zynismus und dem unbewussten Versuch, dem Leben trotzdem wieder einen Sinn zu geben. Insgesamt betrachtet trägt die Trilogie aber durchaus Endzeit-Züge, denn wie sich im dritten Band zeigt, steht nicht nur die Menschheit am Abgrund.

Wie schwer oder womöglich sogar gefährlich ist es, die Balance zu finden zwischen typischen Fantasy-Elementen, die von den Lesern des Genres letztlich erwartet werden, und ungewöhnlichen, frischen Ansätzen, Richtungen und Ideen?

David Falk: Ich habe den Eindruck, dass es in der Tat ein schmaler Grat ist, auf dem man als Autor balanciert. Es gibt ein großes Publikum für das, was in Rezensionen schon als „die ewig gleiche Orks-Elfen-Zwerge-Fantasy“ bezeichnet wird, und bei Verlagen galt ein Buch, das sich auf diese typischen Elemente beschränkt, wohl lange Zeit als sichere Bank. Aber seit ein paar Jahren ist das Genre im Wandel. Es gibt immer mehr Leser, die sich zumindest in Ansätzen neue Ideen und frischen Wind wünschen, und dies auch in Rezensionen äußern. Als Autor kann ich mich bei meiner Einschätzung nur auf solche öffentlichen Kommentare einerseits und die Aussagen der Verlagsmitarbeiter andererseits stützen. Nur die Leute aus den Verlagen oder auch die Literaturagenten haben Einblick in die Verkaufszahlen und können daraus ersehen, wie groß der Anteil der Leser wirklich ist, die mehr Innovationen wollen. Wenn ich also meine Informationen aus diesen beiden Quellen analysiere, komme ich zu dem Eindruck, dass ein gewisses Maß an frischem Wind gewünscht, ja sogar gefordert ist. Eine tolle Entwicklung, von der ich sehr profitiere, weil sie mir Freiheit gibt. Ich muss nicht ständig darauf schielen, ob ich mich noch auf der Tolkien-Schiene befinde (grinst).

Aber die Verkaufszahlen in der High Fantasy zeigen auch ganz klar, dass es immer noch Grenzen für die Experimentierfreudigkeit gibt. Wenn man als Autor auf Orks, Elfen und Co. verzichtet und stattdessen über Fabelwesen aus der indischen Mythologie oder ähnlich exotische Gestalten schreibt, greift nur eine Minderheit der Fantasy-Leser zu diesem Buch. Als Leser und als Autor bedauere ich sehr, dass Verlage und Kollegen immer wieder diese Erfahrung machen. Mir ist daher beim Schreiben bewusst, dass ich einen Spagat zwischen „altehrwürdiger“ Fantasy und Neuerungen versuche, der am Ende auch noch eine spannende Geschichte ergeben soll. Denn das ist unbestritten das wichtigste Kriterium, das ein Fantasy-Roman erfüllen muss.

Du reist viel und gerne durch Europa. Inwieweit beeinflusst und inspiriert das die Landschaft, Architektur und Fauna deiner Fantasy-Bücher? Oder inspiriert dich das Reisen auf ganz andere Weise?

David Falk: Beides. Einerseits glaube ich, dass alles, was man als Autor sieht und erlebt, unbewusst in die Geschichten und Settings einfließt. Manchmal natürlich auch ganz konkret, wenn ich zum Beispiel eine Burgruine, ein römisches Amphitheater oder eine beeindruckende Schlucht sehe und denke: Wow, das wäre ein cooler Schauplatz! Auf solche Momente greife ich später zurück, wenn ich an der Geschichte sitze und überlege, wie denn die Festung Uthariel oder das Tal vor dem Eingang zum Zwergenreich aussehen soll. Das Reisen inspiriert mich aber nicht nur durch optische Eindrücke, sondern auch durch Erlebnisse. Ich kann zum Beispiel viel besser über eine nächtliche Pirsch durch den Wald schreiben, wenn ich selbst einmal eine Nacht in der Wildnis verbracht habe. Dann weiß ich, welche Laute meine Figuren dort hören, wie es dort riecht, wann der Tau fällt und worauf ein Wanderer bei Nacht achten muss. Ist schwierig oder einfach, Fährten zu folgen? Wie hell ist es eigentlich bei Mondlicht oder bei Regen, wenn es weit und breit keine Straßenlaterne gibt? Solche Sachen. Andererseits bekomme ich auf Reisen aber auch den Kopf frei. Wenn man monatelang an einer Geschichte arbeitet, wird man irgendwann betriebsblind. Dieses „Brett vorm Kopf“ wird durch die neuen Eindrücke durchbrochen, und plötzlich sehe ich meine Figuren oder meine Story in einem neuen Licht, die dem nächsten Band dann einen unerwarteten Dreh verleiht.

Und nicht zuletzt fallen mir in solchen Auszeiten auch ganz neue Romanideen ein, die von einem konkreten Ort oder einer lokalen Sage inspiriert ist. Nach der Athanor-Trilogie werde ich vielleicht auf eine dieser Ideen zurückgreifen.

Hat sich Athanor beim Schreiben anders entwickelt, als erwartet?

David Falk: Wenn ich bedenke, dass er ursprünglich die letzte Elfe sein sollte, ja (lacht). Das war allerdings noch in einer ganz frühen Phase der Plotentwicklung, als ich zwar schon wusste, dass es eine Geschichte über einen Letzten seiner Art werden sollte, aber noch nicht entschieden hatte, ob der Protagonist dieser Letzte sein soll oder eine andere Figur. Nachdem ich mir überlegt hatte, dass die Hauptfigur gleichzeitig der letzte Mensch sein soll, hatte ich Athanors Charakter sehr schnell vor Augen. Beim Schreiben wurde er dann etwas großmäuliger, als erwartet. Was sicher daran liegt, dass ihn der arrogante Elf Davaron ständig provoziert. Außerdem wurde mir mit der Zeit immer klarer, was für ein Arschloch er vor dem Untergang Theroias gewesen sein musste. Ursprünglich sollte er einfach nur von der Gier und dem Machthunger seines Vaters geblendet und angesteckt worden sein, aber dann hätte er niemals überlebt. Er musste bei seiner Flucht absolut egoistisch und skrupellos sein, und genau das lastet später schwerer auf seinem Gewissen, als er zunächst selbst bemerkt.

Wie genau planst du deine Romane durch? Und wie lange halten solche Pläne dann im Krieg, also beim Schreiben?

David Falk: Am Anfang steht eine grobe Idee, wovon das Buch handeln und worauf es hinauslaufen soll. Das erweitere ich in etlichen Durchgängen, bis ich ein Exposé von ca. 7-8 Seiten habe. Darin sind viele Szenen bereits in zwei, drei Sätzen oder sogar mehr beschrieben, aber längst nicht alle. Das Exposé dient mir vor allem dazu, bei verwickelten Vorgängen den Durchblick zu behalten. Also welche Figur erfährt wann was, und soll der Leser im gleichen Tempo eingeweiht werden oder ist es spannender, wenn er schon vor der Figur etwas mehr weiß? Bei solchen Fragen verliere ich sonst leicht den Überblick, wenn die Handlung erst einmal Fahrt aufnimmt und sich aus dem Schreiben heraus neue Entwicklungen ergeben.

Beim ersten Band habe ich mich recht genau an dieses Exposé gehalten. Witzigerweise verlief es beim zweiten Band jedoch ganz anders. Im Großen und Ganzen blieb der Ablauf zwar ähnlich, aber ich merkte beim Schreiben, dass die Geschichte nicht so funktionierte, wie ich es mir vorgestellt hatte. Auch die Testleser bestätigten diesen Eindruck. Die Geschichte ließ sie zu kalt, um gebannt bei der Sache zu bleiben. Also stellte ich mitten in der großen Endschlacht noch einmal alles in Frage und ging zum Anfang zurück. Als ich die Lösung des Problems gefunden hatte, war ich erleichtert und am Boden zerstört zugleich, denn sie zwang mich, das komplette Buch umzuschreiben. Das waren zu jenem Zeitpunkt bereits über 500 Normseiten! Ich informierte den Verlag, dass ich deutlich mehr Zeit brauchte, was zum Glück kein Problem war. Und dann warf ich die Figurenkonstellation um, überarbeitete fast alle Szenen, schrieb neue dazu und wurde von den Testlesern darin bestärkt, dass der Roman dadurch in eine andere Liga aufstieg. So viel also zur Haltbarkeit von Plänen …

Wieso ist die Trilogie das Standard-Format der Fantasy. Wirklich nur wegen Tolkien? Und was bedeutet das für Autoren, wenn sie Geschichten konzipieren und anbieten?

David Falk: Als Anfänger bekommt man leicht den Eindruck, dass Fantasy immer als Trilogie daherkommen muss, und denkt sich dann entsprechende Geschichten aus. Das hatte zumindest bei mir nicht direkt mit Tolkien zu tun, sondern mit der Macht der Gewohnheit. Man muss nur einen x-beliebigen Verlagskatalog aufschlagen oder in eine Buchhandlung gehen und sieht unter Fantasy eine Trilogie neben der anderen. Einerseits sind Fortsetzungen ja auch eine gute Sache, denn wenn das erste Buch bei den Lesern gut ankommt, freuen sie sich schon auf den nächsten Band und bekommen genau das, was sie erwarten. Andererseits kennen sicher viele Leser das leidige Phänomen, dass Verlage (seltener auch Autoren) eine Reihe mittendrin abbrechen, weil der Erfolg ausbleibt. Soll man also eine Trilogie anbieten oder nicht? Wenn man als Autor Kontakt zu einem Agenten oder zu großen Verlagen bekommt, erfährt man, dass Verlage eigentlich sogar ungern Trilogien ankaufen, die noch nicht im Ausland bewiesen haben, dass sie erfolgreich sind. Man bekommt dann oft erst einmal einen Vertrag über einen oder zwei Bände. Wenn man Pech hat, war’s das dann, und die Leser warten vergeblich auf das Ende. Das wollte ich unbedingt vermeiden, deshalb habe ich dem Verlag eine in sich abgeschlossene Geschichte angeboten, aber mir in der Story schon Hintertüren für Fortsetzungen offen gehalten. Der Verlag fand das super, und ich musste mir beim Ausdenken keine Beschränkungen auferlegen. Ich weiß nicht, ob es Autoren gibt, die sich gezwungen fühlen, eine eigentlich nicht so umfangreiche Geschichte auf drei Bände auszuwalzen. Mir geht es jedenfalls eher umgekehrt. Ein Band allein reicht einfach nicht, um eine wirklich epische Geschichte mit komplexem Hintergrund zu erzählen. Oder meine Romane müssten 1500 Seiten lang werden …

In deinen Büchern gibt es auch Karten. Ist es komisch, wenn etwas, das man als Autor bisher »nur« als Skizze für die Arbeit hatte und dem Leser wörtlich in der Geschichte vermittelt hat, plötzlich durch jemand anderen konkret und quasi wie in Stein gemeißelt umgesetzt wird?

David Falk: Ein bisschen merkwürdig ist es schon, weil ein Illustrator natürlich nicht dieselbe Vision im Kopf haben kann wie ich, sondern aus meinen Beschreibungen seine eigenen Bilder entwickelt und zeichnet. Außerdem müssen Zugeständnisse an den begrenzten Platz im Buch gemacht werden. Die Karten sind also nicht maßstabsgetreu, weil man für die Orte sonst nur winzige Symbole verwenden könnte, und das wäre sehr schade. Im ersten Moment irritiert mich das immer wieder: Dass auf meinen Skizzen sehr viel Platz zwischen den Schauplätzen ist, während auf den Karten alles recht dicht beieinander liegt. Auch der Ozean müsste eigentlich viel breiter sein, aber dann müssten wir die Karte als Faltblatt beilegen (lacht). Aber ich habe ein recht entspanntes Verhältnis dazu. Ich betrachte die Karten als eigene Kunstwerke, die lediglich von meinen Ideen inspiriert sind. Timo Kümmel ist ein so großartiger Zeichner, dass es völlig idiotisch wäre, ihm vorzuschreiben, dass irgendein Gebäude aber einen Tick höher oder breiter sein müsste, nur weil ich es mir so vorgestellt hatte. Er fängt den Geist des Romans in seinen Karten ein. Das ist viel wichtiger als irgendwelche Details.

George R. R. Martin und Game of Thrones tragen viel dazu bei, dass sich die Fantasy im Mainstream verbreitet. Aber es sorgt auch für eine gewisse GRRM-Monokultur. Wie siehst du dieses zweischneidige Schwert?

David Falk: In einem Interview hat der Fantasy-Programmchef meines Verlags geäußert, dass George R. R. Martins Popularität in erster Linie George R. R. Martin hilft. Womit er wohl sagen wollte, dass Game of Thrones bislang keine großen Auswirkungen auf die Verkaufszahlen anderer Autoren hat. Mir fehlt zwar der Überblick, um das beurteilen zu können, aber ich glaube, dass es stimmt. Zwar wird Game of Thrones nun überall zitiert, aber lesen deshalb mehr Leute Fantasy als vorher? Haben Romane über die Mafia einen Boom erlebt, als die TV-Serie über die Sopranos gefeiert wurde? Ich fürchte nicht. Ein paar Leser mag es geben, die über die Fernsehserie zum Fantasy-Genre finden. Sie fallen dann dadurch auf, dass sie alles mit Martin vergleichen, während früher alles mit Tolkien verglichen wurde. Diese Omnipräsenz eines Autors ist für langjährige Genrefans und –autoren immer etwas befremdlich, weil sie wissen, dass es in der Fantasy so viel mehr gibt. Aber so ist die Medienwelt nun einmal, und wenn Martins Erfolg langfristig tatsächlich bewirken sollte, dass die Fantasy aus der Schmuddelecke entlassen wird, hätte er uns allen einen großen Dienst erwiesen! Eine Martin-Monokultur in den Verlagsprogrammen kann ich jedenfalls nicht feststellen. Ich habe den Eindruck, dass man dort auf eine breitere Palette setzt, und die „grim & gritty“-Richtung war schon vor dem TV-Erfolg von Game of Thrones stark im Kommen.

Hast du das Gefühl, dass man durch den allgemeinen Hang zu mehr Härte und Sex – wie in der TV-Adaption von »Game of Thrones« – auch mehr davon in Fantasy-Büchern braucht? Wie findest du als Autor den Mittelweg zwischen dem, was du willst, und dem, was der Markt heutzutage diktiert?

David Falk: Da sehe ich zwei unterschiedliche Aspekte. Zum einen muss man – glaube ich – zwischen dem Medium Fernsehen und dem Medium Buch unterscheiden. Ich habe Martin schon vor etlichen Jahren gelesen und war ziemlich überrascht, wie viel Sex in die TV-Serie gepackt wird. Dem Anteil in der Romanvorlage entspricht das nicht. Und auch wenn ich mich nicht über den Anblick schöner Brüste beschwere, beleidigt es ein wenig meinen Intellekt, wenn Fernsehmacher glauben, dass sie (gefühlt) jede Szene mit Sex anreichern müssen, um mich als Zuschauer vom Zappen abzuhalten. Ein bisschen mehr Vertrauen in die Story und die Figuren täte der Serie gut. Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Leser nun ebenso viel Erotik in sämtlichen Fantasy-Romanen erwartet. Was die Härte angeht, sehe ich diesen Trend schon eher gegeben. Aber den gab es, wie bereits erwähnt, schon vor Game of Thrones.

Zum anderen betrachte ich die Sache mit dem Sex und der Fantasy als Historiker auch gern aus der Langzeit-Perspektive. Seit Tolkien, bei dem es sehr keusch zuging, spielte Sex in der High Fantasy praktisch keine Rolle. Es ging um edelste Helden, denen nach altem Tugendideal der Sinn nicht nach Sex zu stehen hatte, wenn es die Welt zu retten galt. Dies entsprach auch dem Schwarz-Weiß-Denken, das vielen dieser Geschichten zugrunde lag. Das Böse war abgrundtief böse und verkommen. Das Gute tugendhaft und „porentief rein“. Diese scharfe Trennung ist zum Glück mittlerweile verschwommen. Mit den Grautönen hielt allmählich auch der Sex Einzug in die Fantasy. Ich empfinde das als Normalisierung eines einstigen Extrems. Dass das Pendel jetzt in die andere Richtung ausschlägt, ist nichts Ungewöhnliches. Einen Zwang zu mehr Sexszenen kann ich aber nicht feststellen. Ein gutes Buch lebt vom Spannungsbogen und der „Bindung“, die der Leser zu den Figuren aufbaut. Alles andere ist Beiwerk, das kaum auffällt, wenn die beiden wichtigsten Faktoren stimmen.

Wie denkst du über den Boom des elektronischen Buches? Untergang des kulturellen Abendlandes, oder eine interessante Chance für alle Beteiligten?

David Falk: Vor ein paar Jahren schwärmten alle von den tollen Möglichkeiten, die das eBook eröffnet. Dann kippte plötzlich die Stimmung und ein offener (Feder-)Krieg brach aus. Warum eigentlich? Ich gebe zu, als Büchernarr habe ich anfangs mit eBooks gefremdelt. Wenn ich am Laptop lese, fühlt es sich nach Arbeit an. Aber dann bekam ich den ersten Reader geschenkt und merkte den Unterschied. Seitdem mag ich eBooks. Sie sind eine gute Alternative, wenn ich auf Reisen nicht einen Stapel Bücher mitschleppen will. Und als Autor freue ich mich darüber, dass ich durch das günstigere eBook neue Leser erreichen kann. Klar, das eBook verdrängt langfristig vielleicht das Taschenbuch. Aber geht davon die Buchwelt unter? Nein. Gedruckte Bücher werden bleiben. Zum Beispiel weil sie sich als Geschenk viel besser machen als ein Download-Gutschein. Ob sich der Inhalt verändern wird, liegt bei den Lesern. Qualität hat ihren Preis. Ich glaube, dass Leser weiterhin dieselbe Qualität verlangen werden – und dann auch mehr als 2,99 Euro für ein eBook bezahlen. Ob eBook oder Print macht ein Buch nicht besser oder schlechter. Es ist der Inhalt, der zählt.

Über Amazon verkaufen Autoren viele Bücher, aber der Riese steht in der Kritik – wegen seiner Auswirkung auf den altehrwürdigen Buchhandel, aber auch wegen Aktionen wie dem Streit mit Verlagen. Wo muss man da als Autor stehen?

David Falk: Meiner Meinung nach sollten sich Autoren – ob mit oder ohne Verlag – nicht einseitig vor einen Karren spannen (lassen). Wenn ich einen Verlagsvertrag habe, ist es natürlich in meinem Interesse, dass sich der Verlag nicht von Amazon ausnehmen lässt. Denn wenn der Verlag weniger einnimmt, muss er versuchen, an anderer Stelle zu sparen, und dann geraten schnell die Autoren ins Visier, weil sie sich schlechter wehren können. Ich sehe aber auch die positiven Seiten von Amazon. Zum Beispiel, dass dort ältere Romane von Autoren noch sichtbar sind, während in Buchhandlungen oft nur das neueste Werk steht und man von den Älteren nichts ahnt, weil der Platz im Regal begrenzt ist. Mir ist klar, dass weder Amazon noch große Konzernverlage Wohltäter der Menschheit sind, sondern in erster Linie ihre Kosten decken und dann Gewinn machen wollen. Als Autor ist man der kleine Geschäftspartner, der gut daran tut, auf die eigenen Interessen zu achten und vor allem langfristig zu denken. Bei den eBook-Flatrates zeigt sich schon, dass am Ende der Autor der Dumme ist, wenn die Preise immer weiter fallen. Auch wir Autoren müssen von etwas leben, und ich arbeite nicht monatelang so hart an einem Roman, um ihn dann für ein paar Cent zu verschleudern.

Mit einem anderen Riesen hast du’s auch nicht: Du bist »paranoider Facebook-Verweigerer« – so steht es jedenfalls in deiner Biografie. Hast du das Gefühl, dass dir andere Autoren etwas »voraus« oder es zumindest leichter haben, was Marketing und den Austausch mit ihren Lesern angeht, da sie auf Facebook aktiv sind?

David Falk: Nein, den Eindruck habe ich eigentlich nicht. Ich habe einen Blog, wo interessierte Leser alle Informationen finden, kommentieren und mit mir in Kontakt treten können. Als ich mit der Frage konfrontiert wurde, ob ich nicht auch auf facebook präsent sein will, habe ich mir die facebook-Seiten anderer Autoren angesehen. Mein Eindruck war, dass sie sich dort in erster Linie mit Kollegen vernetzen. Damit sich eine solche Seite in Hinsicht auf Fans lohnt, muss man schon in der Liga der Bestseller-Autoren spielen. Die Frage ist, ob eine solche Seite den Preis wert ist, den man (meistens unwissentlich) dafür zahlt. Ich finde es dreist, wie facebook seinen Nutzern durch das gesamte Netz nachspioniert, ohne das glasklar zu sagen. Man muss es aus diesen watteweichen, nebulös formulierten Nutzungsbedingungen herauslesen, die ungefähr so verständlich sind wie das Kleingedruckte einer Versicherungspolice. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn es werden auch sämtliche persönlichen Nachrichten nach verwertbaren Daten durchforstet. Außer facebook selbst weiß niemand, was genau mit diesen Informationen geschieht und wie facebook sie in Zukunft nutzen wird.

Es gibt auch keine Fotos von dir … hat dir der NSA-Skandal so zu denken gegeben? Gehen wir zu leichtfertig mit unseren Daten und Bildern im Netz um?

David Falk: Letzteres tun wir zweifellos. Vielen Leuten ist überhaupt nicht bewusst, dass spezielle Firmen längst Akten über jeden angelegt haben und darin einfach alles sammeln, was wir im Netz treiben – nicht nur die facebook-Einträge, sondern auch unser Surfverhalten, Suchanfragen, Kaufverhalten, im Internet dokumentierte Joggingrouten, Fitnessdaten und so weiter. Der NSA-Skandal hat lediglich aufgezeigt, dass nicht nur private Firmen akribisch sammeln, sondern auch Geheimdienste, die auch an unsere Mails und Skype-Gespräche rankommen. Aber das war eigentlich nicht der Grund für meine Entscheidung, auf ein Foto zu verzichten. Ich bin da einfach „oldschool“ und wollte ein Experiment machen, das bis jetzt geglückt ist. Früher waren Autorenfotos in Büchern noch nicht so üblich, und das Internet gab es noch nicht. Trotzdem hatte ich eine Art Bild von meinen Lieblingsautoren. Es war aus ihren Texten entstanden und spiegelte, welchen Eindruck ich aus den Texten von ihnen gewonnen hatte. Bis heute interessiert mich deshalb nicht, wie ein Schriftsteller aussieht. Manchmal glaube ich sogar, dass es mich voreingenommen macht, wenn ich ein Foto sehe, bevor ich das Buch gelesen habe. Denn je nach persönlicher Erfahrung verbindet man bestimmte optische Merkmale ganz automatisch mit bestimmten Charaktereigenschaften und unterstellt dem Autor dadurch etwas, das mit der Realität nichts zu tun hat. Im schlimmsten Fall kauft man das Buch nicht, weil die Autorin des hard-boiled-Krimis zu nett und naiv oder der Autor des Liebesromans wie ein alter Griesgram aussieht. Dabei sagen solche Bilder nichts darüber aus, ob mir der Roman gefallen wird oder nicht. Daran möchte ich mit meiner Aktion „Kein Autorenfoto“ erinnern.

Würde dich ein Roman in diese Themenrichtung reizen? Dystopien aller Art sind ja durchaus angesagt zur Zeit …

David Falk: Eine Überwachungsstaat-Dystopie? Ja, könnte ich mir gut vorstellen. Ich bin generell ein großer SF-Fan und werde sicher mal etwas in dieser Richtung machen. Es gibt da außer der Datensammelwut noch einige andere Themen, zu denen ich mir einen Roman vorstellen könnte. Deshalb freut es mich, dass SF zur Zeit im Aufwind ist.

Du sitzt aktuell am dritten Band um Athanor. Erzählst du uns, was den Leser darin – und vielleicht darüber hinaus – erwartet?

David Falk: Für alle, die ihn im zweiten Band vermisst haben, wird es ein Wiedersehen mit dem Troll Orkzahn geben. Viele Leser haben ihn ins Herz geschlossen, obwohl Trolle bekennende Menschenfresser sind, und ich habe ihn deshalb für diesen Band aufgehoben. Auf Athanor wartet die titelgebende letzte große Schlacht, in der sich das Schicksal aller Völker entscheidet. Bis es dazu kommt, gilt es jedoch erst einmal, den wahren Gegner zu erkennen. Gegner ist ohnehin ein gutes Stichwort, denn die werden es wirklich in sich haben. Da steht Athanor und seinen Freunden eine Menge bevor.

Zu meinen Plänen jenseits dieses Abschlussbands kann ich noch nicht viel verraten, denn ich schwanke noch zwischen zwei Ideen. High Fantasy wäre es zwar in beiden Fällen, aber der eine Roman würde zu einer anderen Zeit in Athanors Welt spielen, während ich für den anderen eine ganz neue Welt entwerfe. Beides hat seinen Reiz, aber ich kann nur ein Buch auf einmal schreiben. Es bleibt also noch eine Weile spannend …